06/92

Der Ritter
der unendlichen Leere
bedroht Tracy Train

Der Drehbuchstil war ein Abfallprodukt aus meiner Zeit, als ich mich an Filmskripten versuchte. Ich neigte seit diesem Zeitpunkt aus Gewohnheit dazu, jegliche Ich-Betrachtungen und Erinnerungen in meinem Kopf in Filmsprache durchzugehen. Also schloss ich die Augen und begann – zeitlich geordnet – mit dem Ersten, was mir zum Thema Schulzeit einfiel.

Ort: Highschool, Kursraum; Detailaufnahme: Timothy Baltin, Tutor des Theaterkurses, selbstgefälliges Lächeln, Schnitt. Totale: durch die Bänke schreitend, schlecht kopierte Aufgabenzettel an die Kursteilnehmer verteilend, Schnitt. Detailaufnahme Aufgabenzettel: »Erarbeiten Sie ein winziges Drama zum Thema Selbstkonflikt. Es sollte außer ihrem Alter Ego höchstens noch eine weitere Person darin vorkommen. Bereiten Sie das Stück für eine dreiminütige Bühnenaufführung vor. Sie müssen keine der Rollen persönlich verkörpern (alternativ: Kursteilnehmer/ Freunde), führen jedoch Regie. Viel Glück!«, Schnitt. Halbnahe Einstellung Tracy: den Kopf über das Blatt gebeugt, den Zeilen folgend, bis ihr Kopf vornüber fällt und ihre Stirn deutlich hörbar auf dem Tisch aufschlägt, Aufstieg in die Vogelperspektive, Schnitt.

Ich brachte die Rückschau zunächst zum Stillstand und konzentrierte mich. Wie oder wann war der Ritter der unendlichen Leere in meinem Kopf entstanden? Die Frage brachte mich zur Verzweiflung. Ich konnte mich nicht an den eindeutigen Zeitpunkt der Entstehung entsinnen. Das war immerhin besser, als mir etwas einzubilden.

Ort: Highschool, Kantinentisch; halbnahe Einstellung Tracy, Vogelperspektive: zwischen einem Brot, einem Kaffee-Pappbecher und einer Tasche, hektisch ein Blatt beschriftend; langsamer Vorwärtszoom: das schrille Klingeln der Pausenglocke, Schlag mit der Faust auf den Tisch, Griff zu ihrer Tasche, einen breiten Filzschreiber hervorholend, das Blatt an der Oberseite mit »in Bearbeitung« beschriftend.

Es war eigentlich sehr logisch: Meinem Wesenszug entsprechend, intellektuelles Neuland nur zu betreten, wenn sich eine absolute Notwendigkeit ergeben hatte (Timothy Baltin), musste ich in diesem Moment – also etwa zwanzig Minuten vor Abgabetermin des Skripts für die Bühnenaufführung – an die Idee geraten sein.

zur Seite 07/92

[Newsletter][Datenschutzerklärung][Impressum][Startseite]